Bild rechts: Der Zingster Bahnhof um 1910

Bild links: Gleisplan Bahnhof Zingst

Die Darßbahn und ihr

Bahnhof Zingst

Das Fischland, der Darß und der Zingst zählten um die Jahrhundertwende (1900) zu den entlegensten Gegenden Deutschlands. Der Ausspruch Bismarks, dass die Uhren in Mecklenburg 50 Jahre nachgingen, trifft den Nagel auf den Kopf.

Im übrigen Deutschland entwickelte sich die Industrie sprunghaft, Handwerk und Gewerbe blühten auf. Maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung hat das Transportwesen per Schiene.

Lastwagenverkehr und entsprechende Straßen gab es nicht. Logischerweise konzentrierte sich die Entwicklung und der Weiterbau von schienengebundenen Transportwegen vorrangig in den Industriegebieten, im agrarintensiven Norden Deutschlands daher nur zweitrangig.

Das aufstrebende Bürgertum als neue geldintensive Gesellschaftsklasse entdeckte zunehmend den Erholungswert an der Ostseeküste. Das traf auch auf unsere Region zu. Nur die Anreise an diese Urlaubsorte war enorm beschwerlich.

Um zu damaliger Zeit nach Zingst zu kommen, musste man mit Sack und Pack mehrmals die Beförderungsmittel wechseln. Diese zutiefst rückständigen Verkehrsverbindungen unserer Halbinselkette gerieten in immer schärferen Kontrast zu dem, was sich inzwischen auf dem Festland tat.

Die Eisenbahnstreckenabschnitte Stralsund - Ribnitz, Velgast - Barth, Ribnitz - Rostock wurden bis 1889 bereits dem Verkehr übergeben. Der Anschluss Deutschlands Norden an das übrige vorhandene Schienennetz war hergestellt.

Durch den Niedergang der Segelschifffahrt, hervorgerufen durch die Dampfschifffahrt mit Konzentration in den großen Seehäfen (Rostock, Stralsund), konnte zwangsläufig nur auf das Pferd „Tourismus“ als erfolgreiche Einnahmequelle gesetzt werden. Daher wurde die Forderung der Bevölkerung vom Darß/Zingst immer eindringlicher; der Bau einer Bahnstrecke von Barth nach Prerow.

Die Bemühungen der Gemeinden Prerow und Zingst um den Bau der Eisenbahn begannen im April 1900 und dauerten bis zur Verwirklichung immerhin noch 10 Jahre.

Bau der Meiningenbrücke um 1908
Die Meiningenbrücke fertiggestellt um 1910
Eröffnungsfeier Bahnhof Prerow am 30. November 1910

Kompetenzstreitigkeiten, Geldmangel, Sinn und Zweck, Vor- und Nachteile, politische Vorteilsnahme und schließlich die abfallenden Gewinne beeinflussten dieses Baugeschehen und verzögerten die Entwicklung unserer Ostseegemeinden erheblich.

Im Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Stralsund erschien zur Inbetriebnahme der Darßbahn nachfolgende Bekanntmachung: „Am 1. Dezember 1910 wird die normalspurige Bahnstrecke Barth-Prerow als Nebenbahn mit den Bahnhöfen Tannenheim, Pruchten, Bresewitz, Zingst und Prerow für den Personen-, Güter- und Gepäckverkehr sowie die Abfertigung von Leichen und lebenden Tieren eröfnet“.

Die Überquerung der Meiningenenge (Bresewitz/Timmort) mittels Stahlkonstruktion und Drehbrücke gilt als technische Meisterleistung deutscher Ingenieurkunst und beeindruckt nach wie vor Urlauber als auch Einheimische. Dieser Kreuzungspunkt zwischen Straße und Seeweg ist ein beliebtes Fotomotiv und diente mehrmals bei Spielfilmen als Naturkulisse.

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges hatte Deutschland entsprechend dem Potsdamer Abkommen Reparationen an die UdSSR zu leisten. In diesem Zusammenhang wurde die Darßbahnstrecke demontiert. 1947 wurde der Bahnbetrieb endgültig eingestellt. Die Meiningenbrücke diente nur noch als Straßenverkehrseinrichtung.

Mit der Wiederbelebung des Schießplatzes durch die NVA in Zingst wurde der Gleisabschnitt Barth-Tannenheim-Bresewitz wieder neuverlegt und für Truppen- und Materialtransporte genutzt. Von Bresewitz ging es dann per Straße (auch über die Meiningenbrücke) nach Zingst weiter und ist allen Einheimischen wohl noch gut in Erinnerung. Heute sind als Zeitzeugen der Geschichte nur noch die Bahnhöfe Prerow und Zingst auf unserer Halbinsel übriggeblieben.

Der Prerower Bahnhof wurde rekonstruiert und beherbergt ein Hotel und ein Restaurant, das liebevoll mit alten Bahnutensilien ausgestattet ist.

Der Zingster Bahnhof ist der einzige Bahnhof der ehemaligen Darßbahn, der noch nicht in seinen ursprünglichen Zustand hergestellt ist bzw. einem Zweck dient.

Da dieser Bahnhof zu DDR-Zeiten unter Denkmalschutz gestellt wurde, sind an Investoren Prämissen gesetzt, die kostenaufwendig sind und daher so manchen abschrecken. Im gegenwärtigen Zustand kein anschauungswürdiger Anblick für alle, ob Gast oder Bürger von Zingst. Vandalismus und zunehmender Verfall der Bauwerke, einschließlich des gesamten Geländes, bieten einen traurigen Kontrast zum anderen aufstrebenden und sich entwickelnden Zingst.

Zum Bahnhof Zingst wollen wir trotzdem noch einige Bemerkungen machen, liebe Leserinnen und Leser.

Der Bahnhof Zingst ist in der typischen norddeutschen Bauweise errichtet worden, also mit Klinkermauerwerk und großem tief herabhängendem Dach.

Im Hauptgebäude wohnte der Bahnhofsvorsteher mit seiner Familie. Außerdem waren im Bahnhof untergebracht der Warteraum für die 1. Und 2. Klasse, als auch für die 3. Klasse. Weiterhin gehörten zum Bahnhofsgebäude eine Gaststätte, zwei Fahrkartenschalter sowie die Gepäckannahme und Ausgabe.

Außerdem befand sich auf dem Gelände ein Nebengebäude mit Damen- und Herrentoilette sowie Waschküche, Stallungen für Brennstoffe und Kleintiere, Kühlräume für die Gaststube (hier wurde im Winter selbst geschlagenes Eis vom Bodden bzw. Straminke für die Getränkekühlung in Sägemehl eingemietet) sowie eine Privattoilette für den Amtsvorsteher.

Trinkwasser wurde aus einem Brunnen geschöpft. Sogar ein Bierkeller unter der Gaststube war vorhanden.

1940/1941 wurde nördlich vom Bahnhof in Richtung ehemaliges Sägewerk eine Rampe mit Anschlussgleis gebaut. Das Füllmaterial wurde mit Loren aus dem Freesenbruch geholt. Der Rampenbau erfolgte durch einheimische Fuhrunternehmer und französische Kriegsgefangene.

1946 wurde die Gaststube zum Lazarett, da in Zingst Diphterie und Typhus ausgebrochen war. Auch die Gaststätte hatte zwischen 1948 bis 1956 wieder geöffnet.

Die Deutsche Reichsbahndirektion Greifswald baute anschließend das gesamte Bahnhofsgebäude, die Nebengebäude und die Außenanlagen zu einem Betriebsferienlager um. Dieses Erholungsobjekt wurde mit der Wiedervereinigung geschlossen.

Seit nunmehr fast 15 Jahren ungenutzt, ist es einer der wenigen Schandflecke, die Zingst noch aufzuweisen hat. Der irrelevante Gedanke einiger Nostalgiker, die Darßbahn wieder zum Leben zu erwecken, ist wohl mehr ein Wunschdenken. Diskussionen zu diesem Thema sind eher „Stammtischgespräche“, zumal der finanzielle und materielle Aufwand erheblich sein dürfte und von Bund oder Land als dritt- oder gar viertklassig eingestuft werden.

Bei einer richtungsweisenden Verkehrsstruktur und -planung für die Zukunft spielt die Wiederbelebung der Darßbahn als Transportmittel für Personen und Güter keine Rolle mehr.

Wer mehr über die Geschichte der Darßbahn erfahren will, dem empfehlen wir das Heft „Eisenbahn zwischen Meer und Bodden - Barth-Prerow“ von G. Junas und F. Schulz, erschienen 1988 und herausgegeben vom Deutschen Modelleisenbahn-Verband der DDR AG 5/24 Barth. Bedanken wollen wir uns bei Herrn Wolfgang Eggert, Heimatverein Zingst, der uns zu diesem Thema bereitwillig Material zur Verfügung gestellt hat.


aus dem Zingster Strandboten Juli 2004